Am 30.01.1945 in den Abendstunden erreichten Verbände der Roten Armee das kleine Dorf Pinnow. Wer nicht rechtzeitig geflohen ist, hat hier die Grausamkeiten des Krieges unmittelbar erlebt. Die nachfolgenden Berichte sind ungeschönt und wortwörtlich wiedergegeben. Die Berichte sind Bestandteile von persönlichen Briefen an Frau Waltraud Otte, geb. Wege.
Bericht von Gisela Zimmermann, geb. Pollentzke, geb. 1935 in Pinnow. Sie schrieb diesen Bericht in einem Brief an ihre Cousine Waltraud Otte, geb. Wege.
"Pinnow habe ich die letzten Tage so in Erinnerung, das fast täglich lange Trupps russischer Gefangener durch unsere Strassen kamen. Sie machten bei uns halt um Wasser zu trinken. Mutti und Papa bereiteten alles für die Flucht vor. Papa und unser Pole Stanislav bauten einen Planwagen. Papa wurde dann noch am 25.01.45 zum Volkssturm eingezogen. Zuvor hatten sie noch unser bestes Pferd geholt. Am 30.01.1945 gegen Abend kamen Tante Minna und Onkel Gustav Müller, um sich von uns zu verabschieden. Wir sind dann etwas später losgefahren. Wir sind nicht weit gekommen, da hörten wir schon Kanonendonner und der Himmel war ganz rot. Wir bekamen es mit der Angst, sind zurückgelaufen und haben alles mitten im Wald gelassen. Wo Stanislav mit dem Planwagen geblieben ist, haben wir nie erfahren. Tante Minna trafen wir unterwegs wieder, Onkel Gustav blieb ebenfalls verschwunden. Als wir am See angekommen waren, kamen schon die ersten russischen Soldaten über den See mit Gewehren im Anschlag angeritten. Der See war zugefroren und schneebedeckt. Die Russen schrien uns an und trieben uns in Strassengraben. Wir haben vor Angst gezittert, zumal es dunkel war. Irgendwie sind wir entkommen und durch Gärten und Lauben bis zu einem Haus gelangt, in dem sich viele Bekannte aus Pinnow versammelt haben. Alle waren in einem kleinem Zimmer, Frauen, Kinder und alte Männer. Sie standen alle dichtgedrängt und voller Angst im Raum. Vor der Tür standen Russen mit Gewehren. Sie raubten erst den Schmuck und die Uhren, dann suchten sie sich Frauen heraus, die sie mitnahmen. Als dann das Haus gegenüber in Flammen stand und der Qualm zu uns herüber kam, brach große Panik aus, alle rannten weg.
Am Abend brannten viele Häuser in Pinnow ab. Ich bin dann mit Tante Minna am See entlang bis zum Fischerhaus gelaufen. Dort saßen auch viele ältere und junge Frauen in einem Zimmer. Die Frauen hatte alle Kopftücher tief ins Gesicht gezogen um älter zu wirken. Es nutzte nichts, sie wurden trotzdem mitgenommen. Einige haben mich auf auf den Schoß genommen, aber die Russen haben mich runtergezogen.
Am nächsten Morgen brachte mich dann eine Frau nach Hause. Wir schlichen uns von einem Haus zum anderen, die alle leer standen. Die Fensterscheiben waren zerschlagen, die Türen standen offen und innen war alles verwüstet, was nicht geraubt war. Die Strasse war menschenleer, es war richtig gespenstig. Es traute sich keiner mehr raus. Bei uns auf dem Hof stand eine große Gulaschkanone und überall lag Federvieh mit durchtrennter Kehle herum. In der Küche sah es schlimm aus, das Sofa stand vor dem Küchenschrank, die Polster aufgeschnitten und die Federbetten ausgeschüttet. Oben im kleinen Zimmer traf ich dann Mutti, Barkes und meine Geschwister wieder.
Mutti ernährte uns von Mehl und Wasser, woraus sie Pfannkuchen machte. Am nächsten Tag kam ein Russe, zeigte auf den Wecker und gab uns zu verstehen, das wir am nächsten Morgen Pinnow verlassen sollten.
Auf einer Leiterwagenachse ging es dann zu Fuß nach Jastrow. Es lag viel Schnee und es war bitterkalt. Unterwegs wurden wir immer wieder aufgehalten durch Soldaten und Panzer, die uns immer wieder in den Strassengraben trieben. In Jastrow wurden wir in der Schule untergebracht. Dort waren viele Flüchtlinge und ein offenes Soldatengrab mitten auf dem Schulhof. Der restliche Schulhof war eingezäunt, dort hatten die Russen ihre Pferde. Sie wurden mit Kommissbrot gefüttert. Wir Kinder haben immer unsere Hände durch den Zaun gesteckt und um Brot gebettelt. Wir bekamen es auch, die alten Leute auf unserem Zimmer waren immer neidisch und wollten es uns wegnehmen. In der Schule wurden auch Zivilisten erschossen. Wir hatten Glück, weil unsere Tür von aussen nicht zu öffnen war.
Nach ein paar Tagen sind wir dann in ein altes Haus gegenüber gezogen (Anmerkung: Töpferstrasse). Seitdem waren wir wieder mit euch zusammen, ausserdem waren Herr und Frau Paul und Tante Minna Müller bei uns. Onkel Paul (Paul Wege) und Tante Minna arbeiteten bei einem Müller (Anmerkung: Biskupski), Mutti bei einem russischen Kommandanten. Sie musste große Schultertücher für die russischen Frauen stricken. Wir Kinder sind tagsüber in leerstehende Häuser gegangen und haben uns Kleidung und andere brauchbare Sachen beschafft. In Jastrow haben wir schlimme Einbrüche erlebt, nachts durch die Russen und auch durch Polen.
In dieser Zeit ist auch eure kleine Schwester Rosemarie geboren worden und nach 6 Wochen leider gestorben. Onkel Paul ist ja verhaftet worden, als er nachts Hilfe holen wollte. Er kam erst nach ein paar Tagen frei, durch seinen Chef, der Pole war.
Die Polen, unter deren Herrschaft wir zuletzt gelebt haben, waren viel schlimmer als die Russen. Sie hatten vor, alle Deutschen auf einem Berg zusammenzutreiben und zu verbrennen. Es war schon alles vorbereitet und eingezäunt. Jemand hat es dann an die Öffentlichkeit gebracht und deshalb sind wir alle nochmal davongekommen.
Im Sommer 1946 kam dann abends ein Pole zu uns, zeigte auf die Uhr und sagte, wir müssen am nächsten Morgen Jastrow verlassen. Mutti hat dann die ganze Nacht aus Geschirrtüchern Rucksäcke für uns genäht, für die wenigen Sachen, die wir noch besaßen. Wir sind ja immer wieder ausgeraubt worden. Gegen Morgen kamen dann Polen und nahmen uns die Rucksäcke auch wieder ab.
Von Jastrow ging unsere Reise zu Fuß bis Deutsch-Krone, von Pferdewagen angeführt, die Gepäck und alte Leute beförderten. Von Deutsch-Krone sind wir in einem Güterzug bis Stettin gefahren. Wir haben zwischen Säcken und Gepäck gesessen und der Zug wurde unterwegs immer wieder gestoppt und ausgeplündert. In Stettin wurden wir als erstes entlaust, dann auf ein Zimmer mit mehreren Personen untergebracht. Nach ein paar Tagen kamen wir dann nach Lübeck ins Durchgangslager. Da konnten wir duschen und es gab nach längerer Zeit mal wieder richtige Verpflegung. Nach einigen Wochen in Lübeck wurden wir dann nach Neumünster gebracht."
-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Bericht von Gertrud Rachwitz geb. Krüger, geb. 1922 in Pinnow (Brief an Waltraud Otte, geb. Wege)
"Im Herbst 1944 kamen die ersten Flüchtlinge aus Ostpreußen und Bessarabien, sie zogen weiter westwärts. Im Januar 1945 hiess es dann, der Russe kommt, wir müssen Pinnow verlassen. Für mich war das damals unverständlich. In den letzten Januartagen kamen einzelne deutsche Soldaten, die von ihren Truppen getrennt waren. Gegen Ende des Monats wurde es brenzlig. Am 30. Januar mittags zogen die Gutsarbeiter mit dem allernötigsten in Richtung Hasenfier. Ziel war Mecklenburg-Vorpommern, in der Nähe von Rostock besaß Graf von Bassewitz zwei Güter: Vietow und Wohrenstorf. Dort fanden alle Unterkunft.
Die Bauern waren zwar auch aufgefordert Pinnow zu verlassen, konnten sich aber nicht entschließen. Lediglich die Familien Mudrow, Meier, Otto Schulz und vielleicht noch einige andere zogen am späten Nachmittag in Richtung Hasenfier. Kurz danach kam aus Richtung Jastrow ein Zug trauriger Gestalten, notdürftig gekleidet, mit Holzpantoffeln und kaum fähig zu laufen. Geführt wurden sie von bewaffneten Wächtern mit großen Hunden. Vielleicht waren es Gefangene aus irgendeinem Konzentrationslager, niemand hat etwas darüber erfahren.
Und dann kamen die Russen. Der Abendhimmel glühte, denn in den umliegenden Dörfern brannten die ersten Gehöfte, der Geschützdonner kam näher. An Flucht war nicht mehr zu denken. Wir versammelten uns zunächst alle bei Körnke, doch dann kam der Nachschub der Russen mit Panzern. Fiese Gestalten, ölverschmiert und stockbetrunken. Die Vergewaltigungen begannen, wir flüchteten zu Langes und glaubten, in dem alten Haus sicher zu sein.Das war leider nicht der Fall, wir zogen weiter zu Rütz, das Haus war überfüllt.
Bis Mitte Februar musste dann geräumt werden. Mit dem allernötigsten zogen wir dann nach Jastrow und zwar getrennt. In der Schule in der Töpferstrasse wurde eine Sammelstelle eingerichtet. Es herrschten katastrophale Zustände: offene Toiletten auf dem Schulhof, die ehemaligen Klassenzimmer überfüllt. Glücklicherweise wurde unsere Familie nicht getrennt. Wir konnten das Schulgebäude bald verlassen und fanden für einige Tage Unterkunft in dem gegenüberliegenden Haus unserer Tante Mielke. Mein Vater musste das Vieh betreuen. Meine Mutter und meine beiden Schwestern arbeiteten in einer Bäckerei und wurden mit Brot entlohnt, so das wir auch für Hedwig und Auguste Krüger und Euch (Familie Wege und Pollentzke) etwas sorgen konnten, denn nur wer Arbeit hatte bekam auch Lebensmittel.
Ich lebte bei einer polnischen Familie. Der Mann lebte während des Krieges im gleichen Haus wie ich, bei einer Familie Becker und nun war er Bürgermeister. Ich wurde jeden Tag von einem Wachsoldaten abgeholt und musste russischen Offizieren Deutschunterricht erteilen und blieb dadurch von allem verschont.
Aus den umliegenden Ortschaften wurde das frei rumlaufende Vieh zusammengetrieben. Neben einigen anderen Leuten wurde unsere Familie geschlossen zum Viehtrieb eingeteilt. Nach gut 14 Tagen landeten wir auf einem früheren deutschen Gut- Ossowice bei Bromberg. Wir mussten das Vieh versorgen, Feldarbeit verrichten und einiges mehr. Es war nicht immer leicht, aber unsere Familie war zusammen. Wir brauchten nicht zu hungern, wie es vielen Zurückgebliebenen erging und mussten mit dem Leben zufrieden sein.
Am 10. Februar 1946 durften wir dann ausreisen. Auf Umwegen über Berlin und nach vielem Hin und Her sind wir dann hier gelandet und auch geblieben (Rauen bei Fürstenwalde/Spree)
Wie es euch ergangen ist, weiss ich leider nicht, auf dem Treck wart ihr jedenfalls nicht."
Anmerkung: In einem persönlichen Gespräch 2008 mit Michael Otte hat Frau Rachwitz noch über weitere Einzelheiten erzählt, so z.B. das auf dem Weg nach Bromberg in den Waldrändern und Strassengräben unzählige tote deutsche Soldaten lagen, viele Angehörige der 1. lettischen Grenadierdivision (15.lettische SS). Weiterhin mussten sie bei Bromberg ein geöffnetes Massengrab mit den Leichen von ermordeten Juden ansehen, darin lagen auch jüdische Geistliche, zu erkennen an ihrer Kleidung.
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------