Pinnow-Pniewo.de

Auf dieser Seite berichten Pinnower von der Flucht und Vertreibung aus Ihrer Heimat. Es handelt sich hierbei um authentische Tatsachenberichte und diese werden hier ungefiltert dargestellt. 

Bericht von Rudi Kletscher:

Mitte Dezember 1944 hörte man, das der Russe durchgebrochen sei und in Deutschland stehe. Schon nach einer Woche hatten wir in Pinnow zwei Gespanne von der Verwandtschaft aus Ostpreußen auf dem Hof. Da es bei uns zu Hause eng wurde, musste ich bei meiner Tante Kassulke übernachten. Da meine Tante an der Strasse wohnte  zitterte nachts das Haus. Das waren schon die vereinzelten russischen Panzerspitzen, die keiner bemerkt hatte. 

(Anmerkung: vermutlich handelte es sich um zurückflutende deutsche Verbände aus der Umgebung von Schneidemühl, viele Soldaten waren Letten, die in der 15. lettischen SS-Division in dieser Gegend für Deutschland kämpften) 

Am 30.01.1945 12 Uhr mittags flüchtete die Gräfin von Bassewitz-Levetzow mit den Tagelöhnern, da sie mit der Front in Verbindung stand. 4 Familien bekamen ein Gespann vom Gut. Die Gemeinde hatte beschlossen, am anderen Tag zu flüchten. Abends, am selben Tag, kam meine Mutter vom Bäcker und hatte eingekauft. Da sah sie russische Panzer vorbei fahren. Sie kam nach Hause und alarmierte die Verwandtschaft, sofort zu fliehen. Da wir keinen eigenen Wagen hatten, packten wir bei den Verwandten überall etwas von unseren Sachen dazu. Vater musste die Schmiede schließen, obwohl er das nicht wollte, aber Mutter schimpfte. Jetzt sollte es los gehen, aber ich war nicht zuhause, denn ich hörte, das überall auf den Feldern Flüchtlinge im Schnee stecken blieben, da hoher Schnee war. (Wo was los war, da war ich...) Als ich mit nassen Füßen endlich gegen 19.00 Uhr nach Hause kam, standen die Wagen schon hintereinander und die Flucht begann! Es hieß, wir flüchten erst bis Hasenfier und warten dort bis zum nächsten Tag. Als wir nach Hasenfier kamen, stand dort die deutsche Front! Hinter uns war der Himmel rot und es brannte in Pinnow schon. Die Front trieb uns weiter, weil der Russe dicht hinter uns war. Die ganze Nacht durch bis Schievelbein. Unterwegs mussten wir Platz machen für das Militär, das auf dem Rückzug war. Flüchtlingswagen lagen umgekippt im Graben, weil das Militär sich Platz machte. In Schievelbein wurden wir für ca. 1 Woche in einer Schule untergebracht. 

Mein Vater ging am Fluchtabend zu Ueckers, zu meiner Tante (der Onkel war Soldat), er wollte ihr mit ihren 4 kleinen Kindern helfen. Da sie ein ganz junges Pferd hatten, das gerade zum Einspänner erzogen war. Da das Pferd die Dunkelheit und den Schnee nicht kannte, scheute es. Als sie beim Gastwirt Hoffmann vorbeifahren wollten, stand der Gastwirt vor der Tür und sagte: "Gustav, fahr hier auf den Hof, mit dem Pferd kannst Du nicht weiter". Das Pferd war vor Angst schon nassgeschwitzt. Da meine Tante einen Weissrussen auf dem Hof hatte, brachte er das Pferd zurück in seinen Stall. Der Weissrusse kam auch wieder zurück und sagte, die Russen sind da. Sie gingen alle in den Garten hinter einen Backofen und versteckten sich. Die Russen riefen uns an, da sie die Spuren im Schnee sahen. Der Weissrusse verständigte sich mit den Russen und die sagten, wir sollen alle rauskommen, es würde uns nichts passieren. (Wie es hier weiterging, berichtet Frau Ehlert, geb. Uecker in einem Telefongespräch):

Mein Vater verabschiedete sich, ging über Hecken und Felder, um seine Familie wiederzufinden. Nach 3 Tagen hatter er uns in Schievelbein gefunden. Da setzte dann Tauwetter ein. Bäcker Walter, der mit Pferd und Schlitten geflüchtet war, kam jetzt nicht mehr weiter. Vater besorgte einen Ackerwagen, damit er weiter konnte. Somit waren wir 8 Fuhrwerke aus Pinnow. Dann ging die organisierte Flucht weiter, täglich 20-30 km und immer in Schulen übernachtend. So kamen wir schließlich an die Oder, wo wir übersetzen wollten. Da die Oder Flutgebiet war und eine Moorlandschaft, hatte man einen ca. 1 km langen Knüppeldamm gebaut. Dieser war durch die vielen Trecks total kaputtgefahren. Die Wagen standen bis zur Achse im Schlamm, Pferde lagen links und rechts mit aufgeblähten Leibern. Die Flüchtlinge hatten mehrere Pferde voreinander gespannt, um die Wagen durch das Moor zu ziehen. Wir Pinnower kamen mit Pausen und im Schritttempo glücklicherweise komplett bis zur Fähre, wo wir wieder festen Boden hatten, setzten über und kamen nach Pasewalk. Somit ging unsere Flucht weiter bis nach Barth, das sollte unser Ziel sein. Anfang April war uns dort Endstation, wo unser Vater noch für die letzten Wochen Soldat wurde. Er kam in englische Gefangenschaft nach Eutin. Dort wurde er später entlassen und kam auf eine Ziegelei nach Petershagen, wo sie Leute suchten. Ausgemacht hatten meine Eltern, jeder schreibt nach Köln zu Verwandten und so hatten wir uns bald alle wiedergefunden. Januar 1946 kamen wir mit dem ersten Transport in den Westen nach Minden, Petershagen. 

Zu vermerken sei noch, dass noch in Pinnow vor unserer Flucht eine Cousine aus Ostpreußen ankam, mit einem 8 Tage alten Säugling, sie lag noch im Wochenbett. Sie ist noch mit uns geflüchtet und das Baby schon in der ersten Nacht gestorben und wurde in den Schnee gelegt, weil das Militär uns weitertrieb.             

Mit auf der Flucht waren die Verwandten Otto Schulz. In Schievelbein haben sie die Familien Walter und Hoffmann getroffen. Mutter Kletscher hatte ihre Koffer mit Papieren und Geld auf den wagen von den anderen Bekannten gestellt, da sie keinen eigenen Wagen und Pferd hatten. Dieser Wagen nahm plötzlich einen anderen Weg und damit war schon in der ersten Fluchtnacht alles weg. Sie haben die ganze Flucht zu Fuß gemacht, unterwegs auf Höfen im Stroh geschlafen. Die Wagen wurden unterwegs von Polen geplündert, die Russen suchten nach Frauen.

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Bericht von Ewald Krüger (Sohn des letzten Bürgermeisters Pinnows Wilhelm Krüger)

Den folgenden Bericht hat meine Mutter Hedwig Krüger mir so erzählt. Am 22. Januar 1945 sollte der Treck losgehen, aber da die  Front sich wieder beruhigt hatte nahm man davon Abstand. Am 28.1.1945 war es dann so, das man den Frontlärm in der Ggegend nordostwärts Jastrow immer näher kommen hörte. Der Himmel war nachts blutrot von den Bränden. Viele Trecks kamen durch, Richtung Zippnow oder Hasenfier-Groß Born. Am 30.1.1945 nachmittags zog das Gut los über Hasenfier, ebenfalls eine Reihe von Bauern. Molkenthin ließ mit Treckern vom Gut Dobbersteins Wagen bis auf unseren Hof holen. Man hielt sich dort nicht lange auf, es war höchste Eile geboten. Dort haben sich alle zum letztenmal gesehen und verabschiedet. Onkel Albert Dobberstein mit Tränen in den Augen. Er soll gesagt haben:"Warum müssen wir weg von hier, wo wir das ganze bisherige Leben so glücklich verbracht haben." 

Unsere Leute zogen erst am Abend los. Da war es zu spät. Auf dem halben Weg nach Hasenfier kamen ihnen die Russen entgegen, nahmen alle Wagen in Besitz und schickten die Leute ins Dorf zurück. Man ging in die Wohnungen zurück. 

Gustav Müller wurde erschossen, auch Ross ( Anmerkung: Paul Ross wurde nicht erschossen, er wurde mit seiner Familie nach Jastrow vertrieben und dort vermutlich im März 1945 verschleppt. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt). Meinen Vater nahmen sie mit, einer unser Polen klagte ihn unaufhörlich an. Unterwegs schlugen sie ihn mehrmals zusammen, er ist dann zum Gut gebracht worden. Wie er ums Leben kam, ist nicht voll geklärt worden. Als ich Mutter 1947 aus Meiningen abholte, waren dort auch Heymanns, Nachbarn von Pollentzke und Barkes. Die beobachteten, wie sie Vater blutüberströmt durchs Dorf schleppten. Gefunden wurde er später auf dem Krügerschen Grundstück gegenüber von Haut. Heute noch geht die Version in Pinnow bei den Polen um, der Bauer vom Ausbau ist von den Russen erhängt worden, was ich bezweifle. Der Pole, der bei Dobbersteins arbeitete, hat anders ausgesagt. Es war Mitte April, da hat man alle Toten auf dem neuen Friedhof hinter dem See im Massengrab beerdigt. Zufällig traf Tante Auguste im Dorf den Polen, der bei Dobbersteins gewesen war. Er hielt mit dem Rad an und sagte: "Heute haben wir Bürgermeister begraben. Er war nicht mehr gut zu erkennen, aber ich habe ihn erkannt. Er hat tot auf dem Hof im Dorf gelegen. Soll nach dem Verhör entlassen worden sein, ist aber nicht mehr bis nach Hause gekommen."

Als ein Offizier aus dem v.Bassewitz Regiment am 28.1.1945 über Pinnow fuhr, stellte er erstaunt fest, das hier noch keinerlei Anstalten zum Treck gemacht worden sind. Dann ging alles Hals über Kopf. Ein Teil der Gemeinde konnte flüchten, entweder nach Mecklenburg oder nach Berlin. Einige blieben in der gegend von Köslin, andere wurden nach Verlust aller Habe nach Thüringen dirigiert, auch Albert und Marie Dobberstein. 1949 wurden beide von Paul Wege nach Neumünster geholt.

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Bericht des französischen Kriegsgefangenen Pierre (damals 23 Jahre alt) über die Flucht vor den Russen von Januar bis März 1945, aufgeschrieben und aus dem französischen übersetzt im September 1996

Als wir an diesem Morgen, den 21. Januar 1945, in den Stall (Anmerkung: auf dem Gut derer von Bassewitz-Levetzow) kamen, waren wir überrascht, dort den Bürgermeister Krüger im Gespräch mit Herrmann Fritz anzutreffen. Er holte schnell Heinrich Fritz herbei, der einige Minuten später kommt. Der Bürgermeister bezeichnet die für die Wehrmacht beschlagnahmten Pferde, dann befiehlt uns Heinrich Fritz, sieben Wagen im Hof aufzustellen, um sie hinter einen Traktor zu hängen und sie zur Requisition in das ca. 20 km entfernte Lager Westphalenhof zu bringen.

Als der Bürgermeister weg war, fragte ich Heinrich Fritz:" Fritz, wenn keine Pferde mehr da sind, mit was sollen wir dann arbeiten?" Darauf seine Antwort: "Ah, Peter, man wird sicher nicht mehr arbeiten, wenn der Russe kommt." Das war für uns das Zeichen für eine baldige Rückkehr nach Frankreich. Alsbald ging ich zu den Kameraden, die zuhause geblieben waren und an einem freien Tag wie jeden Sonntag einen faulen Vormittag machten. Ich schrie sie an: " Aufgestanden ihr da draussen, die Russen kommen!" Es gab ein großes Gezeter. "Laß uns schlafen, du erzählst Unsinn!" Etwas aus der Fassung sehe ich Ottos Schwiegermutter, die unseren Freund, den Fleischer, suchte, der den Kaffee kocht. "Maurice, man hat den Befehl bekommen, Pommern zu evakuieren, die Russen sind in Bromberg." Die arme Alte weinte. Maurice tröstete sie, indem er die Stärke der deutschen Armee rühmt. "Sie werden nicht so weit kommen." Bei diesen Worten springen alle aus den Betten, glücklich bei dem Gedanken, dass wir endlich gen Westen, d.h. Richtung Frankreich gehen.

Von dem Tag an sind wir, die französischen Gefangenen, damit beschäftigt, die Wagen vorzubereiten, die wir mit Planen oder mit Strohgarben oder allem, was man so findet, abdecken. Wir beladen Wagen mit Heu und Hafer für die Pferde, diese werden von Ochsen gezogen, die geschlachtet werden, um die Menschen zu ernähren, wenn die Ladung aufgebraucht ist. Die Kolonne wird sehr groß werden. (Anmerkung: Zu dem Gutstreck aus Pinnow kommt noch der Burzener Treck hinzu, insgesamt ca. 450 Personen)

Die russischen Gefangenen und russischen Frauen arbeiten noch immer weiter an der Dreschmaschine unter der Aufsicht zweier alter Gutsarbeiter.

Eines Tages lässt mich Heinrich Fritz zu sich rufen und sagt zu mir: "Peter, Du nimmst Dir zwei Pferde und fährst einen Munitionswagen zur deutschen Armee." Ich antworte ihm: "Fritz, ich bin französischer Kriegsgefangener, ich kann diesen Befehl nicht ausführen." Da denkt er nach und sagt mir, er werde einen jungen Deutschen schicken. "Bist Du bereit, mit Deinen Kameraden die Pferde und Wagen zu führen, um die Frauen und Kinder und die alten Leute zu evakuieren?" Ich antworte: "Fritz, von ganzen Herzen gern wollen wir mit unseren Kameraden der Zivilbevölkerung helfen, sich vor der Roten Armee zu retten."

Zur gleichen Zeit ruft die Frau Gräfin ihren Kutscher und vertraut ihm an: "Gerard, ich habe noch zehn Flaschen Champagner übrig, ich will nicht, das die Russen trinken, nimm sie und trink sie mit Deinen Freunden." Seit 5 Jahren war gebrannte Gerste unser täglicher Trank.

Auch war die Stimmung aussergewöhnlich gut, so wie die folgenden Tage, als wir die Hakenkreuzfahne im Schloßhof verbrannten. Der Förster (Herr Hecht), hatte 22 Hühner in seinem Hof, er schlachtete sie und gab sie uns. Wir konnten nicht alle verzehren, bevor die Russen kamen.  Die Woche verging und der Kanonendonner ließ nach. Täglich kamen Flüchtlinge vorbei, man beherbergte sogar französische Gefangene, die mit ihren Herrschaften auf der Flucht waren. Die wenigen Gutsarbeiter, die noch übrig waren, wurden mobilisiert, sie waren nicht mehr jung. Albert, der Chef des Hofes, Hermann Fritz und andere. (Anmerkung: Am 27. Januar wurden einige Pinnower zum Volkssturm eingezogen) 

Am Dienstag, dem 30. Januar kommt der Kanonenlärm näher und wir bekommen den Befehl aufzubrechen. Die russischen Gefangenen müssen antreten und werden von ihren Wärtern ins Lager (Anmerkung: nach Hammerstein) geführt. Die russischen Frauen lässt man in Pinnow.

Maschinengewehrlärm in der Nähe, die Rote Armee rückt heran. Wir verlassen Pinnow gegen 13.00 Uhr mit Pferd und Wagen Richtung Hasenfier. Frau Gräfin und ihre Tochter werden von Gerard gefahren, während die Familien der Gutsarbeiter von den französischen Gefangenen gefahren werden. Es war eine große Menge. Das Thermometer zeigte 19 Grad Minus an, und es schneite mit starken Windböen. Der Hanomag Raupenschlepper mit Holzvergasermotor eröffnete die Kolonne und zog den Schneepflug. Nach 10 km liess das Tempo nach, denn der Schnee blendete Menschen und Pferde. Bald weigerten sich letztere weiterzugehen. Ausserdem waren doch unsere besten Tiere requiriert worden. Um 21 Uhr hatten wir ca. 15 km zurückgelegt und da das Maschinengewehrfeuer aufgehört hatte, fanden wir ein Lager unter einem großen Militärschuppen in Westphalenhof. Die Pferde wurden ausgespannt und mit groben Hafer, vermischt mit Schnee, gefüttert. Wir waren sehr ermüdet von unserem Kampf gegen die Unbill des Wetters und trotz sibirischer Temperaturen legten wir uns direkt auf den Boden, mit Decken zugedeckt und dicht an dicht aneinandergereiht.  

Um 2 Uhr morgens weckt uns Heinrich Fritz: "Aufstehen, die Russen kommen. Die Fuhrleute müssen die Pferde anspannen während Frauen, Kinder und die Alten zu Fuß losgehen, es eilt!" Im selben Augenblick explodiert eine Granate, entflammte den Himmel und erschütterte alles in weiter Entfernung. Die Frau Gräfin und ihre Tochter brachen auch zu Fuß auf und Gerard holte sie etwas weiter wieder ein, so geschah es auch mit den Leuten auf unseren Fuhrwerken. Bald stießen wir auf eine deutsche Schützenstellung, die Soldaten riefen uns zu: " Wenn Euer Treck nicht innerhalb von 5 Minuten durch ist, müssen wir das Feuer eröffnen, die Russen werden bald da sein!" Wir kommen schließlich an ihnen vorbei und unser Treck zieht weiter in der Kälte und dem Unwetter. Abends kommen wir nach Brotzen. Unsere Frauen kochten eine schöne warme Suppe in einem großen Kessel und es war beglückend, sich um diese Wärmequelle herumzuscharren, alle zusammen, französiche Gefangene und deutsche Zivilisten, mitten dabei die Gräfin und ihre Tochter. In der Nacht schliefen die Fuhrleute in ihrem Wagen, die Leute bei den Bewohnern und die Pferde blieben draussen.  

Am nächsten Morgen machten wir uns gegen 9 Uhr weiter auf den Weg. Wir begegneten verwundeten und versprengten Wehrmachtssoldaten. Plötzlich wird es milder und etwas ganz aussergewöhnliches zu dieser Jahreszeit in Pommern---es taut! Dieser plötzliche Klimawechsel brachte den schnellen Vormarsch der Roten Armee in den letzten Tagen zum Stillstand.

Wir bleiben 2 Tage in Tempelburg. Das Glück war uns hold, denn wir übernachteten bei einem Arzt in einem großen gut beheizten Saal. Der Graf holte seine Frau und Tochter ab. Am Morgen auf dem Platz in Tempelburg versammelte der Graf alle Pinnower und die Franzosen. Er sprach uns gegenüber seinen Dank aus und wünschte uns viel Glück für die weitere Reise. 

Man musste weiter. Die Strasse war nur Wasser und Schlamm quer durch Pommern Richtung Westen. Frankreich kam uns näher. Es wurde wieder kälter, dann etwas Tauwetter und von neuem Kälte. Wir hatten ein kostbares Geschenk: Die Pferde der Frau Gräfin. Wir machten in Dietersdorf, Gersdorf, Schiefelbein, Stargordt, Naugard, Gollnow und noch woanders, was ich vergessen habe, halt. Hinter Gollnow nahmen wir die Autobahn, ein Wunder zu der Zeit, als unsere Wagen mit Eisenrädern, gezogen von unseren armen Pferden nur 4 Kilometer in der Stunde zurücklegten. Ach, an diesen Tag auf der Autobahn habe ich keine guten Erinnerungen. Wir kamen nicht mehr durch Ortschaften, an diesem 18. Februar war die Temperatur sehr niedrig und es verfolgte uns die Angst, draussen schlafen zu müssen. Wir näherten uns der Oder und die Strecke wurde immer überfüllter, der Verkehr sehr schwierig. Glücklicherweise bleibt der Pinnower Treck zusammen und solidarisch. Die Rote Armee hüllte sich in Schweigen. Wie 1940 beim Auszug der Franzosen, wo alle über die Loire wollten, so wollen die Deutschen über die Oder!     

Ich vergaß zu erwähnen, das mein Bruder Jacques auch mit mir Gefangener in Pinnow war. Seit einigen Tagen litt er an einer Krankheit, die man nicht erkannte. Später wussten wir, dass er sich auf den nächtlichen Strohlagern an einer Art Krätze infiziert hatte, von den vorausziehenden Pommern oder Ostpreußen. Seit mehreren Tagen waren seine Beine steif, er konnte nicht mehr die Knie beugen, noch sich vorne auf den Wagen setzen, denn er war wund und wenn er stehen blieb ohne sich zu bewegen, erfroren seine Beine.  

Oh, welch eine Nacht vom 18. auf den 19. Februar! Wir kamen zum Stehen auf einer Oderbrücke südlich von Stettin. Die Leute blieben in ihren Wagen und wir, wir kauerten uns hin, einer an dem anderen, am Geländer der Autobahnbrücke. Auf dem eisigen Boden konnte man nicht schlafen und um dieser großen Kälte Widerstand zu leisten, bewegten wir die Beine. In der Ferne brennt das bombardierte Stettin. Endlich bricht der Tag an und es geht weiter. Die Strassenränder sind oft mit Pferdekadavern übersät. Der Anblick der unsrigen flößt wenig Vertrauen auf ihre Zukunft ein. Das Futter ist knapp und in den Nächten herrscht eisiger Wind. 

Das Mündungsgebiet der Oder ist sehr groß und besteht aus zahlreichen Armen und ebensovielen Brücken. Nur eine Übergangsstrecke war für die Flüchtlinge reserviert, die anderen durften nur von der Armee benutzt werden. Wir erfuhren, das die Russen schon seit mehreren Tagen in Küstrin waren. Man begann die schwachen Ochsen zu schlachten um den Treck zu versorgen und unser Kamerad Maurice , der Fleischer, erwies uns in jenen Tagen große Dienste. Am 19. Februar gegen 10 Uhr überschritten wir die letzte Oderbrücke und kamen in Penkun an. Ich entdeckte zum Glück einen Arzt in einem belgischen Kommando. Ich vertraute ihm meinen Bruder an und todtraurigen Herzens ließ ich ihn zurück, ebenso wie einen anderen Kameraden Marcel, der wie er krank und in Pinnow Fuhrmann war.     

Jeder Tag brachte Kummer,  an dem Morgen des 20. Februar fand ich Yette, eine der beiden Stuten, die ich seit 1943 führte, tot vor, erdrosselt. Abends hatte ich sie in einer Scheune angebunden auf einem dicken Strohlager, nachts hatte sie sich hingelegt und als sie sich erheben wollte, ist sie in dem Stroh stecken geblieben, zappelte und hat sich mit dem eigenen Halfter zu Tode erhängt. Ich war bestürzt, denn ich hing an dieser mutigen Stute.

Unsere Flucht ging weiter, die Rote Armee hielt inne. Nach dem Überqueren der Oder wurden wir weniger durcheinandergeworfen. Diese letzten 14 Tage vor unserer Ankunft in Vietow schliefen wir nicht mehr im Freien. Die Pinnower schliefen bei den Bewohnern und wir in unseren Wagen, in Scheunen oder auf Strohlagern in Schulen. Sehr abgenutzte Strohlager, die nicht die geringste Hygiene garantierte. Nach Penkun machten wir in Damme, Prenzlau, Amalienhof, Leppin, Neubrandenburg, Sülten, Malchin, Tetrow und Laage halt. Als wir nach Neubrandenburg kamen, trafen wir auf Deportierte aus Konzentrationslagern, bewacht von Posten mit Hunden. Diese Unglücklichen waren zum Skelett abgemagert und ihre Wärter erlaubten uns nicht, mit ihnen zu sprechen. Bis zu diesem Zeitpunkt wussten wir absolut nichts von der Existenz dieser Lager. 

Ich glaube, wir kamen am 6.März in Vietow an. Wir waren auf einem Gut der Familie von Bassewitz. Von den zwölf Franzosen, die wir noch waren, gingen 5 weiter nach Wohrenstorf und 7 blieben in Vietow.

Fortsetzung folgt....